Noch ein Brief

Sehr geehrte (Fraktions-) Mitglieder der CDU Berlin,
sehr geehrter Herr Innensenator Henkel,
sehr geehrter Herr Juhnke,

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. (Lev 19,18)

Der obenstehende Satz ist zweifellos einer der Grundgedanken des christlichen Wertegefüges. Nächstenliebe bedeutet selbstlose Hilfs- und Verantwortungsbereitschaft und ist neben der Christlichen in vielen weiteren Religionen verbreitet. In der Bergpredigt geht Jesus sogar noch weiter:

Wenn ihr […] nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? (Mt 5,46)

Worauf ich hinauswill: Die CDU ist eine Partei, bei der schon im Parteinamen christliche Werte betont werden. Sind nicht gerade Nächstenliebe und Barmherzigkeit zentrale Werte, denen die Partei und ihre Anhänger sich damit verschrieben hat? Diese Werte sind zweifelsohne richtig und erhaltenswert – ich möchte allerdings vehement rügen, wie sie in der praktischen Tagespolitik umgesetzt werden.

Grund dafür sind natürlich die Proteste der Asylbewerber auf dem Pariser Platz in Berlin und das damit verbundene Vorgehen der Polizei. In meinen Augen wurden eben diese urchristlichen Tugenden hier mit Füßen getreten. Jesus warnt die Christen explizit vor Ausgrenzung Fremder und ruft gar zur Feindesliebe auf. Eine Partei, die sich dem verbunden fühlt, kann ein solches Handeln meiner Meinung nach daher nicht dulden.

Weiterhin hat die Berliner Landesverfassung eine eindeutige Haltung zur Versammlungsfreiheit:

Jedermann hat das Recht, innerhalb der Gesetze seine Meinung frei und öffentlich zu äußern, solange er die durch die Verfassung gewährleistete Freiheit nicht bedroht oder verletzt. (Art. 14, Abs. 1)

Die Formulierung „Jedermann“ weist darauf hin, dass es sich um ein Grundrecht handelt, dass also nicht Ausländern verwehrt bleiben darf. Impliziert wird, dass über Art, Zeit und Dauer der Versammlung frei zu entscheiden. Dies ist auch in Einklang mit Art 8, Abs. 2 GG.

Am 12.04.2012 stellte der Bayerische Verwaltungsgerichtshof klar, dass auch dauerhaftes Campieren unter verfassungsrechtlichem Schutz steht, wenn Symbolcharakter hat (Az. 10 CS 12.767). Diesen Symbolcharakter sehe ich im vorliegenden Fall einwandfrei vorhanden. Die Flüchtlinge würden schließlich nicht nachts und bei Kälte, teilweise im Hungerstreik, ausharren, wenn sie nicht ein Zeichen setzen sollten. Die Presseerklärung der CDU-Fraktion vom 31.10.2012 halte ich daher für komplett realitätsfern. Eine genauere Beschreibung des Symbolgehalts beschrieb richtigerweise Wolfgang Nešković, MdB für die Linkspartei, am 30.10.

Ich fordere sie auf, insbesondere Herrn Innensenator Henkel, aber auch die CDU Berlin im Allgemeinen, sich tatsächlich an christlichen Werten zu orientieren, die Demonstranten menschenwürdig zu behandeln und die Bereitschaft zum Dialog zu zeigen. Außerdem sollte das Gesetz geachtet werden, dass diese Demonstration unter verfassungsrechtlichen Schutz stellt.

Mit freundlichen Grüßen und der Bitte um Antwort,

+name

Sehr geehrter Herr Dr. Hanke

E-Mail: christian.hanke@ba-mitte.verwalt-berlin.de

Sehr geehrter Herr Dr. Hanke,

wie den Medien zu entnehmen ist, wurden den hungerstreikenden Asylbewerbern am Pariser Platz am heutigen Tag die Decken von der Polizei weggenommen. Sie – als Bezirksbürgermeister – sind der politische Verantwortliche für diesen Vorfall. Außerdem sind Sie Mitglied bei Amnesty International. Für mich ein bitterer Widerspruch.

Die Proteste am Pariser Platz verlaufen seit Tagen komplett gewaltlos. Bei den Protestierenden handelt es sich um Menschen, die auf der Suche nach einem besseren Leben in unser Land gekommen sind. Erst am 27. Juni hat die Bundestagsfraktion Ihrer Partei bessere Bedingungen für
Asylbewerberinnen und Asylbewerber gefordert. Den Anspruch, auch diesen Menschen ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen, haben Sie mit diesem Polizeieinsatz einfach nur mit Füßen getreten.

Ihrem Lebenslauf entnehme ich, dass Sie im Fach Philosophie promoviert haben. Haben Sie sich Gedanken gemacht, ob nicht eben dieser Polizeieinsatz und aktiv praktizierte Exklusion dieser Menschen vom politischen Diskurs kontraproduktiv, womöglich sogar moralisch verwerflich sein könnte? Es handelt sich um die Ärmsten der Armen, die dort in klirrender Kälte ausharren. Auch diese Menschen haben Rechte, für die Sie sich persönlich mit Ihrer Mitgliedschaft bei Amnesty International engagieren.

Ich möchte Sie hiermit bitten, einmal innezuhalten und nachzudenken, ob nicht ein menschenwürdiger Umgang mit den Hungerstreikenden möglich wäre. Ob nicht ein offenes Ohr statt eine verschlossene Tür das bessere Signal an die Asylbewerber wäre. Ob nicht alternatives
Handeln möglich wäre.

Die Werte, für die Sie – persönlich, aber auch mit Ihrer Partei – stehen, werden momentan eklatant verletzt. Meine Solidarität gilt den dort ausharrenden Asylbewerbern, und auch Sie sollten ihnen friedlichen, menschenwürdigen Protest ermöglichen.

Mit freundlichen Grüßen,
+name

Gründungsmythen der Piratenpartei

Die Piratenpartei muss sich professionalisieren. Das steht außer Frage. Dazu zählt meiner Ansicht nach auch, dass man diverse Gründungsmythen endlich mal klarstellen sollte:

  1. „Themen statt Köpfe“, „Inhalte statt Personenkult“: Gilt nur bedingt. In der Vergangenheit konnten wir beobachten, dass einzelnen Piraten gegenüber eine Art Personenkult, vor allem seitens der Medien, aufgebauscht wurde (siehe vor allem Christopher Lauer, Marina Weisband). Dank der schnellen Rotation der Vorstandsposten ist es zwar immer noch genug Abwechslung ohne dass einzelne zu viel in der Öffentlichkeit stehen, dennoch schießen sich Medien gerne mal auf die ein oder andere Person ein.
  2. „Wir haben keine Ideologie“: dazu habe ich ja schon was geschrieben. Ideologie ist ohne Zweifel da, und des hilft nichts, sie zu leugnen. Es darf allerdings nicht zu einer Verbohrtheit und Engstirnigkeit kommen, nur weil man stets „Freiheit“ in den Ohren hört.
  3. „Wir sind ehrlich und sagen, wenn wir zu einem Thema nichts wissen“: Wird auf lange Sicht schwierig werden, wenn wir eine Bundestagsfraktion haben, sogar beinahe unmöglich. Zu groß wird der öffentliche Druck sein, klar Stellung zu beziehen.

Was ich damit sagen möchte: was 2006 und 2009 noch als noble Werte wahrgenommen wurde, ist im Zuge einer Professionalisierung möglicherweise nur noch schwer durchsetzbar. Die Piraten sind eben keine anarchistische Gruppe, und wir können auf Dauer nicht nur die Medien und die anderen Parteien anfeinden. Politik ist nun mal wie sie ist.

Die Krise

Wer mich auf Twitter verfolgt, der wird mitbekommen haben, dass ich vor kurzem Hauptautor eines Positionspapiers zur Euro-Krise gewesen bin. Hier möchte ich kurz darlegen, wie es dazu gekommen ist und was die grundlegenden Inhalte bedeuten.

Der Stein des Anstoßes war eigentlich ein Podcast aus der hervorragenden Podcast-Schmiede WRINT. Darin erklärte Holgis „Hausökonom“ Steffen vollumfänglich die aktuelle Euro-Krise, ihre Ursachen und was man tun könnte. Ich empfehle stark, diesen Podcast zu hören, er ist sehr informativ und nachher ist man in der Lage, einigermaßen qualifiziert über dieses doch ziemlich komplexe Thema zu diskutieren.

Daraus habe ich versucht, ein wirtschaftspolitisches Positionspapier zu abstrahieren, das einigermaßen sachlich damit umgeht und versucht, alle Anregungen aufzugreifen. Ob dies die Ultima Ratio ist, kann ich nicht beurteilen – ich bin kein Mann vom Fach. Aber es ist eine Ansicht auf die Zustände, die für mich nachvollziehbar und – soweit ich das beurteilen kann – richtig ist.

Ganz bewusst schreibe ich direkt am Anfang:

Wir Piraten glauben, dass die Politik, die derzeit von der EU und insbesondere von Deutschland verfolgt wird, nicht zielführend ist. Stattdessen müssen alternative Lösungen gefunden werden, die langfristige Aussichten auf Erfolgt haben.

Unzufriedenheit mit der aktuellen Politik ist aber die eine Sache, konkrete Lösungsvorschläge die andere. Und die werden im Weiteren klar benannt:

  • Klares Bekenntnis zu europäischer Solidarität. Einführung von Euro-Bonds
  • Bekämpfung des gesellschaftlichen Umverteilungsproblems, allerdings nicht durch plumpe Steuererhöhungen, sondern gezielt dort, wo es Sinn macht und wenig schmerzt.
  • Finanzmärkte regulieren und Leerverkäufe verbieten.
  • Herstellung eines außenwirtschaftlichen Gleichgewichts. Momentan ist Deutschland sogar Profiteur der Krise.
  • EZB soll Staatsanleihen kaufen können (mittlerweile geschehen) und eine europäische, undabhängige Ratingagentur soll eingeführt werden.

Damit setzt es piratige Grundprinzipien konsequent in der Wirtschaftspolitik um. Das vollständige Dokument als PDF-Datei finden Sie hier.

UPDATE 01.10.2012: In der ZEIT ist mittlerweile ein recht guter Artikel erschienen, der die Problematik nochmals zusammenfasst. Sie finden ihn unter diesem Link.

Von Ideologie und Manifest

Eins vorweg: Anlass hierfür war ein Artikel von Nina Pauer in der Zeit sowie Christopher Lauers Erwiderung darauf, in der ein Manifest der Piratenpartei gefordert wurde.

Ein Manifest ist zunächst erst einmal „eine öffentliche Erklärung von Zielen und Absichten, oftmals politischer Natur“. So definiert das die Wikipedia. Manifest klingt staatstragend und ist immer eine Formulierung grundlegender Werte, der sich die Gruppe der Verfasser verbunden fühlt. In der Vergangenheit war der Begriff „Manifest“ hauptsächlich sozialistisch oder kommunistisch geprägt, wie etwa beim Manifest der Kommunistischen Partei von 1848, dem Braunschweiger Manifest von 1870 oder dem Prager Manifest 1934.

Zunächst einmal: moderne Parteien geben sich kaum noch ein Manifest. Im oben verlinkten Zeit-Artikel finden sich eher stereotype Verallgemeinerungen von dem, wofür die etablierten Parteien stehen: „CDU steht für Tradition, Die Grünen für Umwelt – und ihr?“.

Da wird schon deutlich: eine wirkliche Auseinandersetzung mit den Inhalten hat nicht zwangsläufig stattgefunden. Schließlich ist ein Parteiprogramm mehr als nur die Kernkompetenz; man könnte Parteien auch ganz anders definieren. Die Werte, die üblicherweise in einem Manifest oder einer vergleichbaren Vereinbarung stehen, werden vielmehr im alltäglichen politischen Handeln deutlich. Eine Zementierung ist nicht unbedingt notwendig – dennoch scheinen die Medien im Moment geradezu eine klare Formulierung zu wollen, in der wir Piraten unsere Werte definieren. Ich persönlich würde ein Manifest auch nicht kategorisch ablehnen, dennoch bin ich der Ansicht, dass die Werte, für die wir stehen, auch ohne eine solche Festschreibung klar sein bzw. werden können.

Womit wir bei der langanhaltenden und niemals aufhörenden Frage nach der Kollektivideologie der Piratenpartei wären.

Die Piraten bezeichnen sich gern als ideologiefrei. Das halte ich für Unsinn.

Eine Partei als ideologiefrei zu definieren, ist per se nicht wirklich hilfreich, soll sie doch eine Gruppe von Menschen mit ähnlichen politischen Interessen und Zielen sein. Das sind – entgegen anderslautenden Medienberichten – die Piraten schon seit ihrer Gründung. Aus dem Aktivistentum heraus entstand ein politischer Mitbewerber, der „den Laden aufmischen“ wollte, mitspielen wollte im politischen Geschäft. Das Experiment, mehr war es anfangs nicht, ist – zumindest bisher – geglückt. Die Piraten unterhalten aktuell in vier Landesparlamenten eine Fraktion, sorgen für frischen Wind in der Politik. Die Frage nach der Ideologie reißt erstaunlicherweise trotzdem nicht ab.  Man sollte doch meinen, auf der politischen Bühne hätten die Piraten inzwischen in ausreichender Weise zeigen können, wofür sie stehen, aber offensichtlich scheinen in der Öffentlichkeit immer noch einige Fragen ungeklärt zu bleiben.

Die Piraten sind nunmal eine Partei, und sie haben gemeinsame Visionen, aus denen heraus sie mehr und mehr Programmpunkte zu abstrahieren versuchen. Diese Visionen – wem das zu esoterisch klingt, kann gerne auch Ziele sagen – basieren auf einem bestimmten Wertesystem (nein, damit meine ich kein konservatives Geschwurbel von „westeuropäischer Kultur in christlich-jüdicher Tradition“) beziehungsweise auf den Grundrechten – nicht umsonst bezeichnen wir uns gern als sozialliberale Grundrechtspartei.

Damit verbunden ist sicherlich auch eine gemeinsame Ideologie, und es hilft meiner Meinung nach nicht, diese zu leugnen. Sie liegt, soweit ich das beurteilen kann, in dem, was Liberalismus ausmacht: Freiheit. (Diesen Grundsatz könnte übrigens auch mal die selbsternannte pseudoliberale Splitterpartei mit dem Namen FDP beherzigen.) Freiheit, das klingt zunächst so groß, so unantastbar, wieder so staatstragend. Was wir Piraten damit verbinden, ist eine Art Meta-Freiheit, also Freiheit, die viele Bereiche umfasst: persönliche Freiheitsrechte, Informationsfreiheit und informationelle Selbstbestimmung, Willens- und Handlungsfreiheit, Meinungsfreiheit, Souveränität – oder, um mit Kant zu sprechen, alle erdenklichen Formen positiver und negativer Freiheit.

In der Praxis bedeutet das, und ich glaube, das muss den meisten Piraten erst noch klar werden, wir sind die derzeit einige wichtige liberale Partei. Wir bekennen uns klar zu diesen Werten, auch wenn wir sie (bisher) nirgendwo aufgeschrieben haben und versuchen, sie in der Realität in nunmehr vier Landesparlamenten durchzusetzen.

Wir müssen allerdings aufpassen: ein klares Bekenntnis zu einer Kollektivideologie birgt auch Gefahren, es stellt immer eine Gratwanderung dar. Schnell kann es zu einer Art „Ideologieverbohrtheit“ kommen, die in Engstirnigkeit und Irrationalität endet. Wie ein solches Schicksal aussehen kann, sehen wir tagtäglich an Beispielen, etwa den Grünen. Sie bezeichnen sich selbst als Umweltschutzpartei, aber transportieren sie wirklich noch dieses Bild nach außen? Wohl kaum, vielmehr werden sie unlängst als Teil des Establishments gesehen, als Politiker, die genauso gut auch in der CDU sein könnten.

Zweites Beispiel: der Bundespräsident. Joachim Gauck hat sicher viel geleistet, vor allem mit seiner Gauck-Behörde. Aber wenn man heutzutage Interviews von ihm sieht, scheint gefühlt jedes dritte Wort „Freiheit“ zu sein. Keine Frage, in der DDR hat Gauck für diese Freiheit gekämpft – aber weiß er noch, was damit gemeint ist? Er hat zu einigen Themen aus freiheitlichen Gesichtspunkten in beunruhigender Weise Stellung bezogen, beispielsweise zur Vorratsdatenspeicherung.

Sich zu einer Ideologie zu bekennen, ist demnach für die Außenwahrnehmung wichtig, um klarzustellen, für welche Werte man einzustehen bereit ist. Ideologie muss danach allerdings gelebt werden, möglicherweise auch daraus resultierende Entscheidungen hinterfragt werden – es geht sozusagen um eine lebendige Ideologie, die dennoch kein Brett vor dem Kopf darstellt.

Wie verändert sich die Kulturlandschaft durch Digitalisierung?

Nachdem die Enquete-Kommission Internet des Deutschen Bundestags alle Bürger dazu aufgerufen hat, einen Artikel zum obenstehenden Thema zu verfassen, der in einem Bundesbericht enden soll, kommt nun zu diesem Thema etwas von mir. Obwohl ich nicht die Absicht hege, es dort einzusenden, schildert das Folgende meiner Meinung nach doch ganz gut, was ich und viele andere Piraten – natürlich auch Nichtpiraten – über dieses doch sehr komplexe Thema denken.

Die erste Veränderung, die die Digitalisierung in die Kulturlandschaft brachte, war digitale Musik – diese entwickelte sich noch vor der digitalen Kunst. Ein gewisser Lejaren Hillers komponierte 1957 eine Suite auf einem Röhrencomputer, und 1961 entwickelte Iannis Xenakis eine Kompositionstheore, basierend auf Klangsynthese. Ab den 1970er-Jahren setzte sich digitalisierte Musikausgabe durch, ab den 90ern sogar – mit dem Aufkommen von MIDI-Sequenzern – für jedermann auf dem Hauscomputer.

Heutzutage ist es einfach wie nie, im Musikgeschäft Fuß zu fassen – denn immer mehr Menschen nutzen Computerprogramme, die physische Instrumente vollkommen ersetzen können. Internet-Communities wie etwa SoundCloud wachsen stetig; auch Hersteller dieser Computerprogramme verzeichnen stetige Gewinnzuwächse. Dass es immer einfacher wird, zuhause Musik zu produzieren, führt aber im Umkehrschluss auch dazu, dass es eine enorme Qualität braucht, um aus diesen geschlossenen Internet-Gemeinschaften herauszutreten, und in der realen Welt im Radio gespielt zu werden. Von daher ist es nicht wirklich korrekt, dass es einfacher ist, im Musikgeschäft Fuß zu fassen – es ist eine Medaille mit zwei Seiten. Während noch vor zwanzig oder dreißig Jahren eine Band durch Kneipen tingeln musste, in der Hoffnung, eines Tages entdeckt zu werden, bietet das Internet die Chance, über Nacht bekannt zu werden. Walk Off The Earth ist ein Beispiel dafür. Sie hatten eine innovative Idee, nämlich mit 5 Leuten an einer Gitarre einen Song zu covern – und über Nacht wurde das Video zum Internet-Hit.

Klar ist: die Musikszene erlebt durch das Internet eine neue Dynamik. Dabei spielen Video-Plattformen wie YouTube eine große Rolle, aber auch über Tumblr oder Reddit verbreiten sich Inhalte sehr schnell. Eine weitere Möglichkeit, Dateien schnell auszutauschen, sind Peer-to-Peer-Netzwerke (z.B. Torrent). Obwohl diese früher für viele Musiker der Inbegriff von Illegalität waren, nutzen viele jetzt diese Möglichkeiten, um schnell einen hohen Bekanntheitsgrad zu erreichen.

Bisher habe ich hier nur über Musiker geredet – aber natürlich gibt es noch mehr Kulturschaffende, die die Chancen des Internets nutzen. In meinem anderen, kürzlich erschienenen Blogpost habe ich schon Möglichkeiten genannt, bekannt zu werden. Auch Filmemacher, Schriftsteller, Dichter, Komponisten, bildende Künstler, Theaterregisseure, Sänger, Tänzer, Fotografen und all die anderen Kulturschaffenden erkennen, dass heutzutage Geld oftmals nur zweitrangig ist. Bekanntheit und Popularität ist die neue Währung des Internets. Und nur die Künstler werden Erfolg haben, die es verstehen, im Netz bekannt zu werden und offline diesen Erfolg ausbauen. Dies ist ein schwieriger Schritt, aber in Zukunft – und teilweise schon jetzt – wird es sich niemand mehr erlauben können, keine YouTube-Videos hochzuladen, keine Facebook-Fanpage zu betreiben – die Möglichkeiten des Netzes müssen genutzt werden, sonst ist der Künstler beinahe schon zum Scheitern verurteilt.

Zudem haben diese neuen Medien Nutzen für den Künstler: klicke ich bei Facebook auf „Gefällt mir“, so erfahren meine Freunde davon, schauen sich die Seite möglicherweise auch an und klicken vielleicht auch auf „Gefällt mir“. So zieht der Schneeball-Effekt immer weitere Kreise. Das mag für den Künstler anfangs natürlich ernüchternd sein, da es zunächst sehr langsam gehen wird – aber Vernetzung ist der erste wichtige Schritt. Dazu gehört gegebenenfalls auch Zusammenarbeit mit anderen Künstlern, idealerweise mit Internet-Größen. Eine international bekannte Gruppe ist beispielsweise auch The Gregory Brothers, die sich schon seit Jahren in den Top Ten der meistabonnierten YouTube-Channels halten.

Soweit die Seite der Künstler – doch wie hat die Digitalisierung die Konsumenten verändert? Da wäre einerseits das Sterben der Plattenläden, das schon mit dem Aufkommen von Kassettenrekordern einsetzte. Ab den 90ern kam dann durch Plattformen wie Limewire oder Napster eine Welle von illegalen Downloads, die erst zurückging, als legale Downloadportale wie Apples iTunes aufkamen. Dies ist also die wechselvollere Geschichte.

Durch die Digitalisierung wird ein Lied ganz und gar nicht mehr als etwas Physisches wahrgenommen. Früher hatte man eine Platte in der Hand, deren Herstellung man dadurch mehr wertschätzte. Heute ist ein Musikstück für uns nur mehr eine Datei, einige Megabyte auf der Festplatte – der subjektive Wert ist also wohl gesunken. Dies ist allerdings auch ein Versäumnis der Medienindustrie, die es nicht hinbekommen hat, auf den Zug der Digitalisierung noch aufzuspringen. Die Herstellung von CDs ist sehr preiswert, und doch werden in einer Art von Raffgier seitens der Labels diese Ersparnisse nicht an den Konsumenten weitergegeben. Dazu kommt, dass durch YouTube oder Internet-Radios ein Song immer nur ein paar Mausklicks entfernt ist, wenn man ihn hören möchte – und eine Internetverbindung existiert gegenwärtig fast immer.

Es ist eine sehr interessante Entwicklung, die sich momentan abspielt, denn während große, bekannte Künstler immer weniger gefördert werden, wächst die Bereitschaft, für gute Inhalte und kleine Projekte zu bezahlen. Künstler gehen heutzutage an Labels und Verwertungsgesellschaften oft schon vorbei – es ist also gewissermaßen eine Dezentralisierung, die sich beobachten lässt – und sie wird sich weiter ausbreiten.

Die Medienindustrie ist gefordert, ihre Erzeugnisse an den Mann zu bringen – der Bedarf ist da, und Einzel-Downloads bei iTunes sind beliebt wie nie, ebenso wie Abo-Dienste wie Spotify. Bei der Unterhaltungsindustrie muss sich also endlich der Gedanke durchsetzen, auf neue Modelle zu setzen, anstatt zu versuchen, das Internet zu reglementieren und ein Urheberrecht, das aus dem Offline-Zeitalter stammt, auf ein neues Medium anzuwenden. Das kann und wird nicht fruchten.

Eine Möglichkeit, dieses Problem langfristig zu lösen, wäre eine Kultur-Flatrate: Jeder konsumiert, doch die Künstler werden entlohnt, und zwar in Form einer Art von generellem Mikropayment à la flattr. Dies ist nur eines der Modelle, die zukunftsfähig sein könnten. Jedenfalls sind die Menschen bereit, kreative Prozesse in ausreichendem Maße zu honorieren – anders sind Erfolge, die das Internet schon schreiben konnte, nicht zu erklären. Auch wenn einige Künstler das Internet noch als Bedrohung gegenüber ihrem „geistigen Eigentum“ wahrnehmen – über kurz oder lang wird das Internet gewinnen, man kann diese Entwicklung nicht aufhalten.

Ein weiterer Punkt ist, dass in einigen Jahren alle Daten, die jetzt offline sind, also auf Festplatten auf dem PC zuhause liegen, online sein werden. Dadurch können wir von unterwegs auf sie zugreifen – die so genannte Cloud. Alles wird im Internet gespeichert sein. Das bedeutet auch, dass traditionelle Verkäufe gar keine Zukunft haben können, alles wird gestreamt werden (oder mit einer vergleichbaren Technik zwischengespeichert). Wir müssen also gewissermaßen Portale für Musik und Film aufbauen, die diese auf legalem Wege zugänglich machen – das geht auf Dauer nur mittels Abosystem.

Jetzt also mal ein Gedankenspiel. Deutschland 2030: Ich will mir einen Song anhören, mache mein Smartphone an, spiele ihn ab – aus der Cloud. Später will ich einen Film schauen, mein Fernseher streamt ihn aus der Cloud. So geht es den ganzen Monat lang, und am Ende bezahle ich eine gewisse Pauschalgebühr, die dann auf die eigentlichen Urheber verteilt wird. So könnte die Kulturlandschaft von morgen aussehen.

Auch wenn Digitalisierung unser Konsumverhalten schon stark verändert hat – es wird noch weitergehen. Die großen Umbrüche stehen erst noch bevor. Doch vorher muss sich auch bei Künstlern und der Industrie die Erkenntnis durchgesetzt haben, wie man auf Dauer noch Einnahmen machen kann, ohne an den Eigenschaften des Internets zu kollabieren. Eine Entscheidung muss her, und zwar bald.