Wie verändert sich die Kulturlandschaft durch Digitalisierung?

Nachdem die Enquete-Kommission Internet des Deutschen Bundestags alle Bürger dazu aufgerufen hat, einen Artikel zum obenstehenden Thema zu verfassen, der in einem Bundesbericht enden soll, kommt nun zu diesem Thema etwas von mir. Obwohl ich nicht die Absicht hege, es dort einzusenden, schildert das Folgende meiner Meinung nach doch ganz gut, was ich und viele andere Piraten – natürlich auch Nichtpiraten – über dieses doch sehr komplexe Thema denken.

Die erste Veränderung, die die Digitalisierung in die Kulturlandschaft brachte, war digitale Musik – diese entwickelte sich noch vor der digitalen Kunst. Ein gewisser Lejaren Hillers komponierte 1957 eine Suite auf einem Röhrencomputer, und 1961 entwickelte Iannis Xenakis eine Kompositionstheore, basierend auf Klangsynthese. Ab den 1970er-Jahren setzte sich digitalisierte Musikausgabe durch, ab den 90ern sogar – mit dem Aufkommen von MIDI-Sequenzern – für jedermann auf dem Hauscomputer.

Heutzutage ist es einfach wie nie, im Musikgeschäft Fuß zu fassen – denn immer mehr Menschen nutzen Computerprogramme, die physische Instrumente vollkommen ersetzen können. Internet-Communities wie etwa SoundCloud wachsen stetig; auch Hersteller dieser Computerprogramme verzeichnen stetige Gewinnzuwächse. Dass es immer einfacher wird, zuhause Musik zu produzieren, führt aber im Umkehrschluss auch dazu, dass es eine enorme Qualität braucht, um aus diesen geschlossenen Internet-Gemeinschaften herauszutreten, und in der realen Welt im Radio gespielt zu werden. Von daher ist es nicht wirklich korrekt, dass es einfacher ist, im Musikgeschäft Fuß zu fassen – es ist eine Medaille mit zwei Seiten. Während noch vor zwanzig oder dreißig Jahren eine Band durch Kneipen tingeln musste, in der Hoffnung, eines Tages entdeckt zu werden, bietet das Internet die Chance, über Nacht bekannt zu werden. Walk Off The Earth ist ein Beispiel dafür. Sie hatten eine innovative Idee, nämlich mit 5 Leuten an einer Gitarre einen Song zu covern – und über Nacht wurde das Video zum Internet-Hit.

Klar ist: die Musikszene erlebt durch das Internet eine neue Dynamik. Dabei spielen Video-Plattformen wie YouTube eine große Rolle, aber auch über Tumblr oder Reddit verbreiten sich Inhalte sehr schnell. Eine weitere Möglichkeit, Dateien schnell auszutauschen, sind Peer-to-Peer-Netzwerke (z.B. Torrent). Obwohl diese früher für viele Musiker der Inbegriff von Illegalität waren, nutzen viele jetzt diese Möglichkeiten, um schnell einen hohen Bekanntheitsgrad zu erreichen.

Bisher habe ich hier nur über Musiker geredet – aber natürlich gibt es noch mehr Kulturschaffende, die die Chancen des Internets nutzen. In meinem anderen, kürzlich erschienenen Blogpost habe ich schon Möglichkeiten genannt, bekannt zu werden. Auch Filmemacher, Schriftsteller, Dichter, Komponisten, bildende Künstler, Theaterregisseure, Sänger, Tänzer, Fotografen und all die anderen Kulturschaffenden erkennen, dass heutzutage Geld oftmals nur zweitrangig ist. Bekanntheit und Popularität ist die neue Währung des Internets. Und nur die Künstler werden Erfolg haben, die es verstehen, im Netz bekannt zu werden und offline diesen Erfolg ausbauen. Dies ist ein schwieriger Schritt, aber in Zukunft – und teilweise schon jetzt – wird es sich niemand mehr erlauben können, keine YouTube-Videos hochzuladen, keine Facebook-Fanpage zu betreiben – die Möglichkeiten des Netzes müssen genutzt werden, sonst ist der Künstler beinahe schon zum Scheitern verurteilt.

Zudem haben diese neuen Medien Nutzen für den Künstler: klicke ich bei Facebook auf „Gefällt mir“, so erfahren meine Freunde davon, schauen sich die Seite möglicherweise auch an und klicken vielleicht auch auf „Gefällt mir“. So zieht der Schneeball-Effekt immer weitere Kreise. Das mag für den Künstler anfangs natürlich ernüchternd sein, da es zunächst sehr langsam gehen wird – aber Vernetzung ist der erste wichtige Schritt. Dazu gehört gegebenenfalls auch Zusammenarbeit mit anderen Künstlern, idealerweise mit Internet-Größen. Eine international bekannte Gruppe ist beispielsweise auch The Gregory Brothers, die sich schon seit Jahren in den Top Ten der meistabonnierten YouTube-Channels halten.

Soweit die Seite der Künstler – doch wie hat die Digitalisierung die Konsumenten verändert? Da wäre einerseits das Sterben der Plattenläden, das schon mit dem Aufkommen von Kassettenrekordern einsetzte. Ab den 90ern kam dann durch Plattformen wie Limewire oder Napster eine Welle von illegalen Downloads, die erst zurückging, als legale Downloadportale wie Apples iTunes aufkamen. Dies ist also die wechselvollere Geschichte.

Durch die Digitalisierung wird ein Lied ganz und gar nicht mehr als etwas Physisches wahrgenommen. Früher hatte man eine Platte in der Hand, deren Herstellung man dadurch mehr wertschätzte. Heute ist ein Musikstück für uns nur mehr eine Datei, einige Megabyte auf der Festplatte – der subjektive Wert ist also wohl gesunken. Dies ist allerdings auch ein Versäumnis der Medienindustrie, die es nicht hinbekommen hat, auf den Zug der Digitalisierung noch aufzuspringen. Die Herstellung von CDs ist sehr preiswert, und doch werden in einer Art von Raffgier seitens der Labels diese Ersparnisse nicht an den Konsumenten weitergegeben. Dazu kommt, dass durch YouTube oder Internet-Radios ein Song immer nur ein paar Mausklicks entfernt ist, wenn man ihn hören möchte – und eine Internetverbindung existiert gegenwärtig fast immer.

Es ist eine sehr interessante Entwicklung, die sich momentan abspielt, denn während große, bekannte Künstler immer weniger gefördert werden, wächst die Bereitschaft, für gute Inhalte und kleine Projekte zu bezahlen. Künstler gehen heutzutage an Labels und Verwertungsgesellschaften oft schon vorbei – es ist also gewissermaßen eine Dezentralisierung, die sich beobachten lässt – und sie wird sich weiter ausbreiten.

Die Medienindustrie ist gefordert, ihre Erzeugnisse an den Mann zu bringen – der Bedarf ist da, und Einzel-Downloads bei iTunes sind beliebt wie nie, ebenso wie Abo-Dienste wie Spotify. Bei der Unterhaltungsindustrie muss sich also endlich der Gedanke durchsetzen, auf neue Modelle zu setzen, anstatt zu versuchen, das Internet zu reglementieren und ein Urheberrecht, das aus dem Offline-Zeitalter stammt, auf ein neues Medium anzuwenden. Das kann und wird nicht fruchten.

Eine Möglichkeit, dieses Problem langfristig zu lösen, wäre eine Kultur-Flatrate: Jeder konsumiert, doch die Künstler werden entlohnt, und zwar in Form einer Art von generellem Mikropayment à la flattr. Dies ist nur eines der Modelle, die zukunftsfähig sein könnten. Jedenfalls sind die Menschen bereit, kreative Prozesse in ausreichendem Maße zu honorieren – anders sind Erfolge, die das Internet schon schreiben konnte, nicht zu erklären. Auch wenn einige Künstler das Internet noch als Bedrohung gegenüber ihrem „geistigen Eigentum“ wahrnehmen – über kurz oder lang wird das Internet gewinnen, man kann diese Entwicklung nicht aufhalten.

Ein weiterer Punkt ist, dass in einigen Jahren alle Daten, die jetzt offline sind, also auf Festplatten auf dem PC zuhause liegen, online sein werden. Dadurch können wir von unterwegs auf sie zugreifen – die so genannte Cloud. Alles wird im Internet gespeichert sein. Das bedeutet auch, dass traditionelle Verkäufe gar keine Zukunft haben können, alles wird gestreamt werden (oder mit einer vergleichbaren Technik zwischengespeichert). Wir müssen also gewissermaßen Portale für Musik und Film aufbauen, die diese auf legalem Wege zugänglich machen – das geht auf Dauer nur mittels Abosystem.

Jetzt also mal ein Gedankenspiel. Deutschland 2030: Ich will mir einen Song anhören, mache mein Smartphone an, spiele ihn ab – aus der Cloud. Später will ich einen Film schauen, mein Fernseher streamt ihn aus der Cloud. So geht es den ganzen Monat lang, und am Ende bezahle ich eine gewisse Pauschalgebühr, die dann auf die eigentlichen Urheber verteilt wird. So könnte die Kulturlandschaft von morgen aussehen.

Auch wenn Digitalisierung unser Konsumverhalten schon stark verändert hat – es wird noch weitergehen. Die großen Umbrüche stehen erst noch bevor. Doch vorher muss sich auch bei Künstlern und der Industrie die Erkenntnis durchgesetzt haben, wie man auf Dauer noch Einnahmen machen kann, ohne an den Eigenschaften des Internets zu kollabieren. Eine Entscheidung muss her, und zwar bald.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s