Gibt es eine Gratiskultur im Internet?

Nachdem ich den Podcast über Gratiskultur von maha gehört habe, gibt’s wie immer auch etwas Senf von mir dazu:

Es wird immer behauptet, im Internet gebe es eine Gratis- oder Kostenloskultur. Dabei unterscheiden sich auch diese Begriffe (da gibt’s ja den schönen Ausdruck Gratis versus libre, der zwar nicht das Gleiche, aber etwas Ähnliches meint; Link zur engl. Wikipedia). Im Internet wird nicht nur Content erstellt, der gratis ist, sondern auch vermehrt welcher, der frei ist. Das ist erstmal gut und schützenswert.

Die Medien – allen voran Pressevertreter – propagieren aber dieser Tage, es gebe eine Gratiskultur. Das ist – zumindest für mich – so nicht nachvollziehbar. Es mag Internetnutzer geben, die im Glauben sind, alles gratis haben zu können – aber gleichzeitig wächst die Bereitschaft, für gute Inhalte zu bezahlen. Dafür gibt es viele Beispiele, von denen ich im Folgenden einige aufzählen werde.

Crowdfunding

Crowdfunding (zu deutsch etwa: Scharmfinanzierung) folgt dem Prinzip: die Masse macht’s. Dabei stellen einzelne Künstler, Erfinder oder Unternehmer ihre Projekte, Produkte oder Geschäftsideen auf speziellen Internetseiten vor; die derzeit führende Plattform ist wohl Kickstarter.com. Jede Aktion stellt dabei eine Mindestsumme ein, die zum Gelingen des Projekts innerhalb eines vorgegebenen Zeitraums erreicht sein muss. Nur wenn die Summe erreicht wird, fließt Geld. Dadurch, dass jeder Internetnutzer die zu spendende Summe flexibel einstellt, aber auch mehr bekommt, je mehr er bezahlt, ist dieses Modell äußerst lukrativ. Über Kickstarter.com wurden schon Millionen erreicht, verschiedene Computerspiele anfinanziert. Die Pebble-Armbanduhren haben den Rekordwert von 10 Millionen Dollar erreicht. Auch Musiker nutzen solche Modelle, beispielsweise der YouTube-Channel „The Piano Guys“.

Ein-Klick-Bezahlung

Der Umsatz von iTunes liegt bei knapp 2 Mrd. US-Dollar. Dabei fiel die Einführung von iTunes in eine Zeit, in der die meiste Musik kostenlos verteilt wurde. Aber schon 2008 wurde 1 Million Dollar Umsatz pro Tag eingefahren. Warum ist das so?

Einerseits ist es der allgemeine Erfolg Apples, der nunmehr seit 5 Jahren anhält. Andererseits ist es die Bequemlichkeit, die Apples iTunes ebenso wie Amazon erkannt haben: Mit einem Klick einen Song zu kaufen und direkt herunterzuladen ist einfach benutzerfreundlich – und teilweise nur 79 Cent zu bezahlen, ist ein weiterer Fortschritt gegenüber den Preisen, die zuvor für einzelne Tracks bezahlt werden mussten. So bezahlt man für kleines Geld und bekommt dafür Benutzerfreundlichkeit. Ich persönlich benutze iTunes nicht, da es einen Einstieg in das „Apple-Biotop“ darstellt. Aber natürlich ist es ein erfolgreiches Geschäftsmodell, was seit Jahren wächst und keine Gratiskultur fördert.

Creative Commons

Hiermit meine ich z.B. Jamendo. Dort verteilen Musiker per Streaming, Direkt-Download oder P2P kostenlos ihre unter den Creative Commons veröffentlichte Musik. Trotzdem klingeln die Kassen: Jamendo bezieht nicht nur die Künstler in die Werbeeinnahmen ein, es gibt auch ein Spendensystem. Und viele Leute spenden.

Social Payment

Hier dürfte vor allem flattr den meisten ein Begriff sein. Dabei bezahlt der Nutzer monatlich stets den gleichen Betrag, den er selbst auswählt. Während des Surfens kann er nun bei Blogs oder Webseiten, die er gut findet, auf den flattr-Button drücken, wenn diese Internetseiten einen haben. Am Ende des Monats wird an alle „geflattrten“ Seiten das Geld verteilt. Das ist Mikropayment, denn die Beträge sind in der Regel klein. Wie auch beim Crowdfunding gilt aber: Die Masse macht’s.

Abo-Systeme

Hierbei meine ich Dienste wie Spotify, Simfy, E-Music oder weitere. Dabei handelt es sich um Musik-Streaming-Dienste, die es dem Nutzer erlauben, gegen eine Monatspauschale soviel Musik zu hören, wie er möchte. Üblicherweise ist ein Internetzugang erforderlich, das ist aber in Zeiten mobilen Internets kein Problem – und häufig sind auch Downloadangebote verfügbar. Simfy kostet 5 Euro im Monat, Spotify Premium 10 Euro; bei Spotify gibt es allerdings auch einen kostenlosen Dienst, der eine Zeitbeschränkung einsetzt.

Kritisch ist dabei allerdings die Entlohnung der Künstler zu sehen. Wie der Hessische Rundfunk berichtete, erhalten Musiker zuweilen nur 0,00164 Euro pro Stream.

Fazit

Es gibt immer neue Dienste, die es schaffen, für guten Content Geld zu erhalten. Drei davon habe ich vorgestellt, es gibt aber ganze Unternehmen, die sich mit der Entwicklung neuer Modelle befassen. Denn die Menschen sind bereit, zu bezahlen für etwas, das Ihnen gefällt. Von einer Gratiskultur kann dabei keine Rede sein – ohnehin ist Gratiskultur ein Kampfbegriff, vermutlich von den gleichen Leuten erdacht, die auch das Wort „Raubkopierer“ in die Welt gesetzt haben. Im Internet ist jedenfalls längst nicht alles kostenlos – und das soll es auch gar nicht sein. Schließlich sollen Künstler gefördert werden, wobei leider die Realität oft anders aussieht: die Labels machen das große Geld, und Künstler gehen leer aus. Internetplattformen bieten Chancen für Musiker, an Labels vorbei bekannt zu werden.

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